Montag, 25. Mai 2009

interruptus

Sie lag schon im Bett, als er noch an seinem Computer arbeitete. Er hatte Musik aufgelegt. Darüber muss sie eingeschlafen sein. Es war spät, als er sich zu ihr legte. Sie weiß das deswegen, weil sie aus schon tief geschlafen hatte. Ihn so dicht an sich zu spüren, ließ die müden Teile ihres Körpers langsam wieder aufwachen. Erst sträubte sie sich, wandte sich dann aber ganz bald ganz tief in seine Kuhle, seine warme Haut auf ihrer noch wärmeren. Sie spürte den Herzschlag in seinem Penis, ein leichtes Anklopfen an ihrem Hintern, gepumptes Blut. Ihr gefiel das und doch wollte sie eigentlich weiter schlafen, der Tag morgen würde früh starten. Klopf, klopf! Sie konnte nichts tun, sie schob ihren Hintern Stück für Stück näher an seine Erektion, drehte sich schließlich um und küsste ihn. Sie schmeckte den Schlaf in ihrem Mund. Ihre Zunge suchte nach seiner. Sie seufzten. Seine Hand wanderte langsam hinunter in ihre Unterhose, ihre Hand umfasste seinen steifen Pimmel. Ganz langsam, unter anhaltenden Küssen rieben sie aneinander, spielten mit der sich entwickelnden Feuchtigkeit zwischen den Beinen und küssten küssten küssten dabei weiter. Gerade war er mit seinem Finger in sie eingedrungen, sie hielt seinen Schwanz fest umschlossen in ihrer rechten Hand, bewegte sie langsam hoch, langsam runter, als der abscheulichste Krach beide den Atem anhalten ließ. Der schlimmste Klingelton der Welt! Er hatte seinen Finger noch nicht ganz aus ihr herausgezogen, da war er schon aufgestanden, dem Scheusal, dem Telefon entgegen. Er nahm ab. Sie hörte, wie eine Männerstimme seinen Namen aussprach. Verzweiflung im Tonfall. Er stand da, in der Dunkelheit mit seinem dicken Schwanz und von einer Sekunde zur nächsten war seine, war alle Leichtigkeit aus dem sexuellen Vorspiel weg. Er band sich ein Handtuch um die Hüfte und verschwand irgendwie peinlich aus dem Zimmer. Sie starrte auf die Tür, die hinter ihm zugegangen war und zwang sich, ihre Erregung runter zu pegeln. Ungläubig warf sie sich von einer Seite zur nächsten. Durch die Wand hörte sie den Bass seiner Stimme. Hörte, wie er mit jemandem sprach, der ihn weit nach Mitternacht anrief. Sie fühlte sich plötzlich beschissen, beschissen, beschissen. Wie ein Stück Fleisch zurückgelassen, bereit zu ficken. Gefickt zu werden. Und er hatte dieses Scheiß Telefon nicht einfach weiterklingeln lassen, beschissen!... Minuten vergingen, dann der Einzug klarerer Gedanken. Sie ahnte, dass es P war, am anderen Ende. P, sein Ex-Freund. Ein paar Stunden zuvor hatte ihr bester Freund M, der gerade mit P ausging, ihr unter Stress und Anspannung erzählt wie er glaubte, dass er das Ganze mit P beenden müsse. Plötzlich war sie sich ganz sicher, es könnte niemand anders als P sein. Oder hoffte sie es? Irgendwie war sie erleichtert. Sie stand auf, griff nach seiner Decke und brachte sie in das eisig kalte Zimmer, in das er sich zum Telefonieren zurückgezogen hatte. Er blickte kurz auf zu ihr, doch seine Augen verrieten nichts. Dann ging sie die Treppe hinauf in ein anderes Zimmer. Sie wusste, der Mitbewohner (und ihr Freund) war verreist und legte sich in dessen verlassenes Bett. Eine Weile nach dieser Weile klopfte er zaghaft an die Tür. Eingewickelt in die Decke, die sie ihm gereicht hatte kam er ins Zimmer und flüsterte, „es tut mir so leid. P läuft gerade ohne Schuhe durch die Nachbarschaft. M hat mit ihm Schluss gemacht. Ich will versuchen, einen seiner Freunde zu kriegen, damit die sich um ihn kümmern können “. Sie streichelte durch seine Locken, sagte „mach das“ und schlief dann ein. Es war sicherlich schon fast 4, als sie aufwachte. Wieder hatte er sich neben sie gelegt, war nackt unter ihre Decke gekrochen. Sie seufzte, er nahm sie in den Arm, dieses Mal war er viel kälter als sie. Sie legte ihre schlafheiße Hand auf seinen Unterarm. Er küsste sie aufs Ohr und sagte „es tut mir leid, schlaf weiter“. Dieses Mal pocherte kein Puls in seinem Schwanz, sie räkelte sich in seinen Löffel und dann schliefen sie gemeinsam ein.

Penisverwirrung.

Und plötzlich waren fast zwei Monate vergangen dass sie mit diesem Mann schlief, der auch mit anderen Männern schlief. Beim allerersten Mal, nein, kurz vor dem allerersten Mal sagte sie noch zu ihm, „ich find das komisch. Die Vorstellung...“ Er lachte und fragte: „wirklich?“ „ja, WIRKLICH. Natürlich!“ Nach dem zweiten Mal hatte sie den Gedanken fast nicht mehr, beim dritten Mal war er weg. Kein einziges Mal während sie sich berührt hatten, miteinander gekommen waren, oder er ihr die Falte auf der Stirn gerade gestrichen hatte war ihr der Gedanke gekommen. Nicht ein einziges Mal hatte sie wirklich darüber nachgedacht, über dieses Phänomen, dass er bi war. Bi, zwei, beides. Dass er, genau wie sie auf Männer stand – ‚auch’ auf Männer stand. Bis zu diesem Tag, an dem er über jenen Typen sprach. Nicht, dass er nicht auch schon zuvor über diesen oder jenen Typen sprach, nur tat er es an diesem besagten Tag anders. Da kam das Komische daran zurück – keine Eifersucht, dafür war nichts konkret genug, dafür hatten sie für das, was sie miteinander hatten noch keine Kategorie definiert. Aber das Gefühl hatte etwas freudianisches. Es ähnelte der Eifersucht, aber war doch anders. Es war Hilflosigkeit darin in dem Gefühl, Wissen, dass das, was sie hatten in einer, ihrer Welt passierte, die mit der anderen, seiner anderen Welt nichts zu tun hatte. Es war, als schwirrten zwei Kreise, fremde Kosmen durch die Luft, die sich hie und da berührten um dann eine Schnittmenge für ihn zu kreieren. Sie kam in diesem anderen Kosmos nicht vor. Mit den alten Regeln der Prinzessin, die schöner ist und schlauer als alle anderen hinter den sieben Bergen, hatte dieses Gefühl nichts zu tun. Natürlich machte sie das hilflos und ratlos und natürlich kränkte es sie auch und doch war es okayer, als es in ihrer altbekannten Welt mit ihren altbekannten Regeln okay gewesen wäre. Sie entschloss, trotzdem und auch deswegen, es zu lassen mit der Körperlichkeit zwischen ihnen. In der Ahnung, dass dieses Gefühl, diese Verwirrung wiederkommen und vielleicht nicht gesund für sie sein würde. Zwei Wochen hielt ihr Vorsatz, sie übten sich in Freunde sein und verbrachten plötzlich 3 mal so viel Zeit miteinander wie zuvor. Und dann brach der Vorsatz zusammen und nur eine Woche später war alles wie am Anfang. „Ich find das komisch. Die Vorstellung...“ Er lachte und fragte: „wirklich?“ „ja, wirklich. Natürlich!“ Nach dem zweiten Mal hatte sie den Gedanken fast nicht mehr, beim dritten Mal war er weg, der Gedanke. Kein einziges Mal während sie sich berührt hatten, miteinander gekommen waren, oder er ihr die Falte auf der Stirn gerade gestrichen hatte. Nur glaubt sie zu wissen, dass es so weitergehen könnte. Im Augenblick ist es ihr egal.

Donnerstag, 21. Mai 2009

Wie lange schon?

Am Anfang ging es alles wie von selbst. Es begann an einem Sommerfest. Ein schöner Zufall. Zwei Leute lernen sich kennen, ganz unvoreingenommen, und bei jedem weiteren Treffen merken sie, wie viel sie gemeinsam haben... Zuerst die Vergangenheit: Abgründe, Sucht, Kampf, Leere und langsam Schritt für Schritt zurück ins Leben. Dann die Gegenwart: Körper, immer in Bewegung, immer gespannt wie ein Bogen und so sehnsüchtig nach dem weichen Summen der Zufriedenheit. Und die Zukunft: ewiges Streben, Verlangen, immer weiter gehen wollen und sich nie ganz spüren außer im wilden, sinnlichen Jetzt.

So haben wir einander entdeckt, jeden Moment, jedes Jahr ein wenig mehr, und immer ging es alles wie von selbst. Wir wurden wie Magneten, haben uns gegenseitig gezogen. Immer wenn wir zusammen waren, haben wir uns bewegt, uns im Rhythmus besser verstanden als mit Worten. Es war alles so leicht. Wir waren zusammen laufen am See und danach im Wasser. Wir haben zusammen trainiert, uns überall angefasst, ohne Scham und ohne voneinander Besitz zu ergreifen. Nur Liebende wollten wir nie sein. Er hatte sein Leben, ich hatte meins. Da gab es nichts zu vereinen. Die Momente mit ihm waren immer pur und nackt und schön. Da gab es auch nichts zu ergänzen.

Es dauerte drei Jahre, bis wir es beide einsahen: Wir konnten nicht mehr voneinander lassen. Wir verbrachten mehr Zeit miteinander als mit irgendwem sonst. Wir führten beide ein Doppelleben, an dem weder unsere Partner noch unsere Freunde teilhatten. Wir hatten uns ganz allein und konnten den anderen nicht mehr loslösen aus dem großen Bild. Ich hatte mich verliebt. So unglaublich verliebt in diesen Mann mit vier Kindern und einem Leben, das ich niemals hätte teilen wollen. Aber so war es eben. Es ging nicht mehr beiseite zu schieben. Ich wollte ihn und er wollte mich genauso. Damals ging es dann alles ziemlich schnell. Wir kamen uns näher, hatten die erotischsten Momente und schliefen doch nie miteinander. Da war noch zu viel Zauber. Wenn ich an seinen Geruch nur denke, wird mir fast schwindelig. „Du fasst einen so schön an,“ sagte er ein Mal. „Ich fasse nur dich so an,“ hab ich geantwortet. Und wir beide betrogen unsere Partner – als sei es das Natürlichste auf der Welt. Bis heute bereue ich keinen einzigen Moment.

Dann war es plötzlich vorbei. Ein Drama. Es sollte schließlich auch nicht sein. Irgendwann musste es platzen. Seine Freundin bekam es raus, er beschloss, sein Leben zu ändern, um mit seinen Kindern sein zu können und wahrscheinlich, weil er Angst hatte, allein zu sein. Ich verließ meinen Freund und ging ins Ausland.

Das war vor drei Jahren. Die Geschichte, die nie hätte beginnen dürfen, war vorbei.

Und jetzt steht er plötzlich wieder vor mir und scheint erwachsen geworden. Gesund und mit echten Plänen für die Zukunft. Mit einem Haus und einem Hund und der gleichen Frau, die ihm wohl verziehen haben muss. Und ich genauso. Kein Haus, kein Hund, aber den Mann meines Lebens an meiner Seite. Den, mit dem ich Kinder haben will.

Und da sitzen wir mit unserer gemeinsamen Vergangenheit, mit der vergangenen Gegenwart und der ewig unfassbaren Zukunft und ähneln uns immer noch so sehr. Und er riecht noch genauso. Er sieht mich genauso an und ich will ihn wieder mit der gleichen Gewalt. Heißkalte Schauer auf meinem Rücken und mir wird klar, dass ich süchtig bin.