"Ich hab voll Lust, mit Dir zu schlafen. Hast Du damit ein Problem?" Er redete einfach zu viel. Meine Hand war noch immer auf seinen Mund gepresst, mit dem er mich nun doch zum Äußersten getrieben hatte. Letzter Ausweg: Angriff! Es funktionierte. Er war mitten im Satz verstummt und blickte mich überrascht und fast ein wenig besorgt an. Ich grinste in mich hinein bei dem Gedanken, was jetzt wohl alles durch seinen Kopf ging und ob sich das irgendwie auf seine Physis auswirkte. Reflexartig schaute ich hinunter auf seine Hose, aber im Moment konnte ich noch keine Reaktion erkennen. Ein wenig enttäuscht hob ich wieder meinen Kopf und blickte ihm mit einem unanständigen Grinsen, das halb echt und halb gespielt war, wieder direkt in seine Augen. In meiner Vorstellung sah ich ihn noch immer nackt vor mir sitzen mit seinem muskulösen Alabasterkörper, zumindest stellte ich mir seinen Körper so vor. Ich sah auch immernoch wie ich mich auf ihn setzen würde, ebenso nackt und zumindest in meiner Fantasie ebenso schön, und wie wir uns beide ohne Worte anschauen und ineinander bewegen würden, meine Hände in seinen Haaren, meine Zunge auf seinem Nacken.
Nun war es also draußen, das Angebot. Die Frage oder was auch immer ich gerade gesagt hatte. Ich fragte mich, was sein Nicken als Antwort bedeuten könnte? Wollte er es auch oder hatte er ein Problem damit? Für einen Augenblick bereute ich schon mein Draufgängertum, denn ich wollte auf keinen Fall in eine Situation betretenen Schweigens geraten. Wenn nicht bald etwas geschah, würden wir uns nie wieder in die Augen schauen können. Was hatte ich da nur getan?
Mein Grinsen hatte sich unmerklich davon gemacht, dafür war nun aber auf seinem Gesicht ein belustigter Ausdruck zu erkennen. Mistkerl! Mich so zu verunsichern. Seine Hand, die meine, ohne dass ich es bemerkt hätte, von seinem Mund geschoben hatte und immernoch festhielt, wanderte nun zu meinem Bauch und schob sich an meiner Hüfte vorbei zu meinem Rücken. Instinktiv - oder mit viel Glück - hatte er eine meiner Lieblingsstellen am Körper gefunden, diese Einwölbung überhalb vom Poansatz, wo die Finger schon die prallen Rundungen und warmen Tiefen erahnen konnten. Das Bild in meinem Kopf von meiner Hand auf dieser Stelle und die seine auf meinem Körper ebenda erregte mich. Normalerweise war ich diejenige, die diese Einwölbungen suchte und fand. Es war schon lange her, dass jemand meinen Körper so bestimmt und zielsicher berührt hatte.
Er zog mich an sich, sein Blick zu meinen Lippen gesenkt und die seinen erwartungsvoll geöffnet. Ich verfolgte die ganze Szene mit einer Mischung aus sozialwissenschaftlichem Interesse, Überraschtheit hauptsächlich über mich selbst, Neugier und einem Hauch von Angst davor, wie mein Körper wohl auf ihn reagieren würde. Das letzte Mal war es ziemlich in die Hose gegangen bzw. eben nicht. Aus irgendeinem Grund hatten mein Geist und mein Körper ein paar Verständigungsschwierigkeiten, denn auch wenn ich mir einbildete, etwas geil zu finden, musste es noch lange nicht heißen, dass sich dabei irgendetwas bei mir tat. Stocktrocken zu bleiben war nicht nur schmerzhaft sondern auch peinlich, als ob ich dem anderen etwas vorspielen würde. Bisher hatte es niemanden daran gehindert, es weiter zu versuchen, aber wie gesagt, noch Tage danach hatte ich dann meine Schwierigkeiten mit dem Hinsetzen.
Es war soweit, ich sah wie seine Lippen meinen Mund erreichten. Er hatte seine Augen geschlossen. Ich tat es ihm gleich und wartete, nicht willens ihn meine Distanziertheit merken zu lassen. Als ich seine Lippen spürte, zögerte ich kurz, küsste ihn dann aber zuerst zaghaft, später immer fordernder zurück.
Wir saßen noch immer nebeneinander auf diesen recht unbequemen Stühlen in seinem Wohnzimmer. Als die anderen noch da gewesen waren, hatten wir mit den Köpfen zusammen gehangen, Rotwein getrunken und über viel unnützes Zeug geredet, was allerdings so vereinnahmend gewesen sein musste, dass man die Stühle gar nicht bemerkt hatte. Nun störte mich der harte Stuhl unter meinem Hintern. Ich rutschte immer näher zu ihm und eh ich mich's versah, hatte er mich auf seinen Schoß gezogen. Ich war so überrascht von seinem Manöver, dass ich mir nicht verkneifen konnte, loszulachen. Das wäre eigentlich kein Problem gewesen, aber ich konnte nicht aufhören. Plötzlich kam mir diese Situation so absurd vor. Nicht nur, dass sich meine Vorstellung von vorhin vielleicht sogar bewahrheiten könnte - warum auch immer. Der Typ, mit dem ich gerade intim wurde, war mein Lieblingskollege Tobi. Tobi und ich! Wie sollte das bitteschön gehen? Hätte mich auf Arbeit jemand gefragt, mit wem ich am ehesten ins Bett steigen würde, hätte ich immer geantwortet Anna. Von Anfang an hatte ich Anna als gefährlich eingestuft, vor allem für mich und meine Beziehung, wohingegen flirten mit Tobi immer nur Spaß war. Zumindest hatte ich das geglaubt. Schließlich war ich ja diejenige gewesen, die ihm gesagt hatte, ich wolle mit ihm schlafen. Wollte ich das immernoch? Oder war es nur die Neugier und das Verbotene, was mich daran reizte.
Mein Lachen blieb mir plötzlich im Hals stecken. Der Gedanke an meine Freundin holte mich wieder aus meinen Fantasien in die Realität zurück. Ich schaute Tobi an, der offensichtlich merkte, dass etwas nicht stimmte. Bevor ich irgendetwas sagen konnte, nahm er seine Hände von mir, lehnte sich zurück und sagte mit einem lässigen Lächeln auf den Lippen "Ich hab Dir schon tausendmal gesagt, dass Du Dich vorsehen solltest!" Mit diesen Worten komplimentierte er mich freundlich aber bestimmt wieder auf meinen eigenen Stuhl und goß sich ein weiteres Glas Rotwein ein.
How I Beat Bulimia, One Therapist At A Time
vor 10 Jahren
2 Kommentare:
wow, ist das ECHT? wenn ja, dann bin überaus beeindruckt von der innerlichen ehrlichkeit. wie oft habe ich schon dinge passieren lassen, nur weil sie sich angekündigt hatten... ein schöne geschichte!
herz,
schick geschrieben! ich wünschte, er wär immer noch ein kollege.
kuss
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