Dienstag, 9. Juni 2009

Sex. Die Geschichte eines Jahrzehnts.

Unerwarteterweise hatte ich zum ersten Mal mit 18 Sex. Ich hatte immer gedacht, ich würde früher Sex haben. Irgendwas hielt mich davon ab. Konkret waren das dreckige, muffige Betten, Begegnungen mit Typen, die es nicht wert waren oder unmögliche Situationen. Unmögliche Situationen schlossen auch Sex in meinem Bett ein. Meine Eltern hatten nämlich ein Hochbett. Leider war das Hochbett direkt unter meinem Zimmer, ich konnte mir also lebhaft vorstellen, wie ich quasi anderthalb Meter über den Gesichtern meiner Eltern Liebe machte. Nee. Nee.

Ich erinnere mich daran, dass es mir nicht wichtig war, dass der Erste mein Freund war. Ich war der Meinung, Sex und Liebe hätten wenig miteinander zu tun. Deswegen suchte ich mir einen Entjungferer aus, einen bescheuerten Musiker. Jakob. Musiker standen ganz oben auf meiner Hitlist der potentiellen Deflorierer. Nicht nur, weil ich von unglaublich vielen Musikern umgeben war, sondern weil ich dachte, wer sein Instrument kann, kann auch Sex. Klar. Und wenn der Typ dazu auch noch bescheuert war (unlogisch, unberechenbar), umso besser! Jakob wollte nicht. Und sagte mir dann, dass das nichts mit mir zu tun hätte (?), aber die Frauen verliebten sich immer in ihn, wenn sie mit ihm geschlafen hätte. Außerdem müsste man beim ersten Mal immer so vorsichtig sein, da hätte er voll keinen Bock zu.

Tja. Also doch nicht. Ich weiß nicht, was mich mehr kränkte: die Annahme, dass alle Frauen, die mit Jakob Sex hatten, automatisch Sinn und Verstand verloren und von ihm und seiner Liebeskunst abhängig wurden oder den Fakt, dass er keine Lust hatte, vorsichtig zu sein. Dann ging ich ein Jahr auswandern. Ein Jahr keine Musiker. Dafür aber Sex.

“Es wäre mir eine ungeheure Ehre.” sagte Jim im Herbst des gleichen Jahres. Jim fand mich schön, attraktiv und witzig und war trotzdem nicht mein Freund. Jim war einer der Männer, die man immer treffen will. Einer, der Frauen auf Händen trägt und trotzdem sexy ist. Herrlich. Jim und ich hatten dann Sex, auf einem Futon. Es tat weh und es war nicht im geringsten so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Ich hatte immer gedacht, Sex wäre so ganz arschgeil. So allumfassend glitschig und heiß und hart und geil. Ich hatte auch immer gedacht, Sex von hinten wäre ganz bestimmt das Maß aller Dinge. Ich schlief ein paar Mal mit Jim und wir hatten Sex von hinten. Es tat weh. Ich stellte fest, dass ich Sex wohl nicht konnte, ich kam nämlich nie. Ich glaubte auch immer noch nicht daran, dass es irgendeine Verbindung zwischen Liebe und Sex gab. Meine beste Freundin hatte nämlich auch ständig Sex ohne verliebt zu sein und kam immer.

Jim musste wieder zurück an die Ostküste und ich verliebte mich neu. In Michael. Michael war der Meinung, Sex müsste hart sein. Ich kannte nur Sex mit Jim und war verwundert. Dann wiederum tat der Sex mit Michael weh und der Sex mit Jim auch. Also, so schien mir, konnte ich ja nicht wirklich meine eigene Meinung haben, was die Härte des Sexes anbelangte. Michael war im übrigen auch bescheuert. Und ging zum Jahreswechsel weg, nach Südkalifornien. Zum Glück.

Dann traf ich Paulo. In Paulo war ich ein bisschen verliebt, vor allem, weil er aussah wie ein Mädchen. Paulo war schwul und wusste es nicht. Ich meine, wer ist denn bei der US Navy und hört Ani DiFranco? Er fand Sex mit mir unangenehm. Ich fand Sex mit ihm anstrengend. Er war so dünn und kantig, diesmal war es nicht der Sex der wehtat, sondern seine Ellenbogen. Dann war ich gestört genug, um die nächsten Jahre nicht zu wissen, wohin mit mir.

Meine Liste der Typen, mit denen ich fortan schlief, umfasste einen, mit dem meine beste Freundin und ich quasi zeitgleich pennten, ohne es zu wissen. Danach eine chaotische Baggage an One-Night-Stands, an die man sich nur beschämt und widerstrebend erinnert. Dann eine lange Beziehung mit jemandem, der eigentlich lieber Sex mit Männern und Peitschen hatte. Einen, der ständig Grenzen überschritt und mich anbrüllte, ich hätte ein Gewichtsproblem. Einen, der dachte, wenn er zu nett sei, dann würde er mit mir eine Beziehung eingehen müssen.

Meine Vorstellung von Sex änderte sich erst, als ich mit Ende zwanzig feststellte: bescheuerte Männer bringen’s nicht. Sex ohne Liebe bringt’s nicht. Sicherheit bringt’s, Alkohol nicht. One-Night-Stands bringen’s VOLL nicht. Sich stressen, weil man nicht kommt, bringt’s nicht. Muschi rasieren bringt’s voll. Sport machen bringt’s total. Die Seele bedingt mein Sexleben immer, egal ob ich will oder nicht.

Und dann lernte ich Seamus kennen. Seamus ist ähnlich wie Jim. Seamus verehrt mich und kommuniziert das. Außerdem hat er viel Respekt für mich und meine wunderliche Seele. Und dann gibt es wilden Sex, immer wieder, am Anfang ohne Unterlass. Der ganz schön nah an etwas rankommt, was ich schon mit 18 dachte: Sex ist ganz arschgeil. So allumfassend glitschig und heiß und hart und geil. Und Sex von hinten ist unumstritten das Maß aller Dinge. Und Junge, hat die Erkenntnis mal lange gedauert.

3 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Sincerest Congratulations to you, Seamus and this post! Everything is true and I'll go to bed now - with myself!
sloppy kisses
you DO know that Saemus is the Irish version of James is the not-abbreviation of Jim? just thinking...

Kuschelmuschel hat gesagt…

oh, du einzigartige frau! welch wahre worte. du sprichst mir aus dem herzen. und tust es so schön...

Kuschelmuschel hat gesagt…

ein hoch auf seamus oder james oder jim!!! namen sind doch schall und rauch, oder? heriß, hart, geil und von hinten. unumstritten auch einige meiner lieblingsworte UND taten!